Zeitgenössische Keramikkunst
Als formbares Material wurde Ton von Kunsthandwerkern lange Zeit vor allem für bildhauerische Arbeiten oder aber als Malgrund verwendet. Nachdem Mitte des 20. Jahrhunderts bedeutende Künstler wie Pablo Picasso (1881-1973), Joan Miró (1893-1983) und Lucio Fontana (1899-1968) Keramik als Werkstoff für ihre ausdruckstarke Kunst entdeckten, wurde auch die Avantgarde und mit ihr die Galerieszene auf Tonwaren aufmerksam. Dies führte zu einer Entwicklung, die bis heute nachwirkt. Zeitgenössische Keramikkünstler haben sich weitestgehend von den klassischen Geschirrformen gelöst und verwenden oft ihre eigenen Glasurrezepturen und Tonmischungen.
Die belgische Keramikkünstlerin Ann van Hoey (*1956) nutzt für ihre in Plattentechnik erstellten, eingeschnittenen und gefalteten Plastiken beispielsweise Autolack, der eine stark glänzende Oberfläche erzeugt, die den darunterliegenden Ton nicht mehr erahnen lässt. Der Earthenware Ferrari 1 ist ein Kunstobjekt um seiner selbst Willen – ohne jeglichen Funktionsanspruch. Wie aus der Realität entnommen wirken die Frauen- und Mädchenplastiken des Berliner Keramikers Rainer Kurka (*1974). Von Hand aus Terrakotta aufgebaut geben sie die Stofflichkeit der Haut, der Haare und der Kleidung derart getreu bis ins kleinste Detail wider, dass so mancher Betrachter auf den ersten Blick glauben mag, vor einer lebendigen Schönheit aus Fleisch und Blut zu stehen. Ebenfalls die Natur zum Vorbild nimmt sich der japanische Keramikkünstler Harumi Nakashima (*1950). Seine Plastik mit dem abstrakten Titel Forms Inverse Multiplay-0704 erinnert frappant an einen Oktopus. Die Großplastik wurde durch Nakashima von Hand in mehreren Einzelteilen aufgebaut und vor dem Brand zusammengesetzt. Sie zeigt eine starke Körperspannung und Lebendigkeit. Dadurch wird der Eindruck erweckt, das fantasievolle Meereswesen könnte jederzeit seine Form ändern.
Nichtsdestotrotz stehen zahlreiche zeitgenössische Keramikkünstler in der vielseitigen Tradition vorangegangener Generationen. Das verarbeiten und Brennen von Ton, die Glasureffekte und Farbverläufe aber auch die hohe Kunst des Porzellanbrands sind nicht nebenbei im Atelier zu erlernen. Häufig verbinden sich moderne Künstler mit alteingesessenen Keramikbetrieben und liefern künstlerische Entwürfe, die dann von professioneller Hand ausgeführt und gebrannt werden.